Alte Freunde – neuer Ort: Eine Woche an unserem Partnergymnasium

Der Austausch mit dem Gymnasium Polička geht weiter: Dieses Jahr fuhren wir, elf deutsche Schüler und zwei Lehrer, vom 06. September bis zum 13. September zum Gegenbesuch an unser tschechisches Partnergymnasium, um unsere im letzten Jahr gewonnenen Austauschpartner wiederzusehen, mit ihnen den Alltag zu verbringen und mit ihnen gemeinsam an einem neuen Projekt zu arbeiten. Das Thema in diesem Jahr trug das Motto „Lesen, Leben, Teilen – zwischen den Zeilen“. Durch kreative Methoden, gemeinsame Ausflüge und Workshops ging es darum, neue Perspektiven miteinander einzunehmen und andere Seiten an sich kennenzulernen.

In meiner Gruppe entschieden wir uns für ein klassisches Produkt, welches heute Seltenheitswert hat: Ein handschriftliches Tagebuch. In diesem hielten wir unsere Erlebnisse, Gedanken und Gefühle fest. Eines dieser Erlebnisse war der Besuch der Kleinstadt Litomyšl, in der wir die universitäre Fakultät für Restauration von Kunstobjekten besuchten. In einem wunderschönen historischen Gebäude einer alten Klosteranlage spürten wir die Liebe zum Detail und erlebten Arbeitsaufwand und die Expertisen, die es braucht, um Kunstschätze wie Bücher, Gemälde und Skulpturen zu erhalten. Die Ateliers sind beispielsweise in ehemaligen Speisesälen mit prachtvollen Wandverzierungen untergebracht. Uns wurden Studentenarbeiten gezeigt, und erklärt, dass viele davon mehrere Wochen oder Monate Arbeitszeit benötigen. Im Anschluss durften wir in der Uni-Bibliothek Bücher durchforsten und mit ihnen hantieren. Ersteindrücke sollten wir dabei in Wort und Bild im Rahmen unseres Projekts festhalten, denn trotz fehlender Tschechischkenntnisse konnten wir dennoch manches zwischen den Zeilen verstehen.

Ein weiterer, und emotional aufwühlender, Ausflug führte uns an einem anderen Tag in das junge Holocaust-Museum der einstigen Fabrik Oskar Schindelers nach Brnenec. Durch eine kurze Führung und einen Dokumentarfilm mit Interviews von Schindler geretteter Juden erfuhren wir viel über Arbeit und Leben der jüdischen Fabrikarbeiter, aber auch das Rettungsprinzip und die Nachwirkung des Ehepaars Schindler. Bedauerlicherweise stand Emilie Schindler immer im Schatten ihres Mannes, bekommt jedoch als starke Frau ihren Platz der Anerkennung in der Ausstellung. Dieser Besuch wird uns noch lange in Erinnerung bleiben; die Historie und Wirkung des authentischen Ortes verarbeiteten beispielsweise unsere Jungen in ihrem Video-Produkt eindrücklich.

Eine Begegnung der anderen Art, nämlich mit uns selbst, erfuhren wir beim Yoga in einer echten Jurte: Über Stress, Nervosität oder Anspannung nachzudenken, war kaum Zeit, denn manche Übung erforderte körperliche Disziplin. Das Highlight bildete eine abschließende Klangtherapie, mithilfe derer wir zur inneren Entspannung fanden.

Den Abschluss des Austauschs bildete am letzten Tag der Besuch der historischen Universitätsstadt Olomouc, in der wir die kleine rote Kirche mit schönen Details besichtigten und nach dem Mittagessen Kontakt zur Musikwissenschaft knüpften. Die Dozentin Gabriela faszinierte uns mit ihrer menschlichen Art und Begeisterung zur Musik, zu der sie uns mit selbstgebauten Musikinstrumenten und Rhythmusspielen praktisch bewegte.

Am Sonntag verabschiedeten wir uns schweren Herzens von unseren Freundinnen und Freunden aus Tschechien. Als junger Mensch brachten uns die beiden Begegnungen, in Tangermünde im September 2025 und nun in Polička 2026, nicht nur neue Eindrücke, sondern charakterliche Entwicklung – wir forderten uns selbst heraus und lebten Offenheit. Vieles ließ uns staunen, manches skeptisch sein, anderes stieß auch auf Ablehnung. In der Summe jedoch merkten wir, dass wir viel mehr Dinge teilen als uns bewusst war. Unsere neuen Bekanntschaften und Freunde werden wir vermissen.

Dass wir unsere Erfahrung in Polička machen durften, verdanken wir der Hugo-Meyer-Nachfahrenstiftung für ihre finanzielle Unterstützung bei den Fahrkosten. Lebenspraktisch danken wir für die Durchführung und den emotionalen Beistand den tschechischen und deutschen Lehrerinnen und Lehrern: Frau Zuzana Machková und Frau Jarmila Borovská (Gymnasium Polička), Frau Sophia Groß und Herr Steffen Neumann (Diesterweg-Gymnasium Tangermünde-Havelberg).

Autorin: Jane Oelze (Klasse 11, Diesterweg-Gymnasium Tangermünde)
Fotos: NEU